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Tafeln im Hohen Haus

»Voller Bauch studiert nicht gern«, lautet ein altes Sprichwort.

Tafeln im Hohen Haus
Foto: dpa

Aber leerer Bauch regiert noch viel weniger gern. Darum kommt der kulinarischen Versorgung der deutschen Bundestagsabgeordneten große, beinahe staatsmännische Bedeutung zu. HOGAPAGE hat bei der verantwortlichen Firma Dussmann nachgefragt.

Politiker sind ständig irgendwo zum Essen eingeladen, lautet ein gängiges Vorurteil. Kein Wunder: Bei jedem Event, bei dem ein Politiker interviewt wird, ist im Hintergrund meist ein Büfett zu sehen, und noch bei jeder Verhandlungsrunde stehen in der Mitte des großen Tisches oder zumindest auf der Seite ein paar Teller mit Brötchen. Doch erstens sind es genau diese immer gleichen Schnitzel-, Roastbeef- und Lachsbrötchen, die man selbst als Journalist bald schon nicht mehr sehen kann, und zweitens spielt sich die tägliche Arbeit für die meisten Politiker doch deutlich bodenständiger ab – etwa im Deutschen Bundestag.

709 Abgeordnete sitzen hier alleine, dazu kommen noch deren Mitarbeiter etc. Wenn man bei vollem Haus dann noch die Beschäftigten der Fraktionen und Bundestagsverwaltung berücksichtigt, Journalisten und andere Gäste mit von der Partie sind, gibt es hier schon eine mittelgroße Gemeinde, der mehrmals am Tag der Magen knurrt und die man auf Dauer nur schwer mit belegten Brötchen vom nächstgelegenen Supermarkt versorgen kann.

Einen der insofern verantwortungsvollsten Jobs der Bundesrepublik hat daher die Firma Dussmann, die seit einigen Jahren für das leibliche Wohl im Berliner Bundestag sorgt. Für insgesamt sechs gastronomische Einrichtungen in den Neubauten des Deutschen Bundestages zeichnet Dussmann verantwortlich, darunter zwei Kantinen, eine Cafeteria, ein À-la-carte-Restaurant, ein Besucherrestaurant und eine Espressobar. Dazu kommt ein umfangreicher Konferenz-und Veranstaltungsservice. Außerdem versorgt Dussmann die Kita des Deutschen Bundestages mit kindgerechten Speisen, wie Pressesprecherin Michaela Mehls auf HOGAPAGE-Anfrage erklärt.

Bis zu 1.000 Personen können gleichzeitig verköstigt werden
Die Speisen werden dabei jeweils vor Ort zubereitet, und zwar für insgesamt bis zu 1.000 Personen gleichzeitig. »Das ist schon eine schöne Herausforderung«, wie Mehls betont. Zumal das Essen
allen Wünschen gerecht werden soll: Gesund und schmackhaft muss es sein, auf Allergien, Unverträglichkeiten und besondere Ernährungsweisen muss Rücksicht genommen werden, wodurch das Angebot einer Großverpflegungs-Gastronomie schon beinahe zu einer Quadratur des Kreises wird.

Ausschließlich Spaghetti Bolognese, Schnitzel und Currywurst war gestern – wiewohl eine Kantine ganz ohne solche Gerichte wohl auch nicht lange überleben könnte. Currywurst ist also auch im Hohen Haus ein Standardposten im täglichen kulinarischen Angebot. Aber eben nicht nur: »Wir bieten in den beiden Kantinen zehn verschiedene Menülinien, zusätzlich große Salatbüfetts und eine Dessertauswahl. Das Speisenangebot ist vielseitig und abwechslungsreich, um möglichst viele Geschmäcker zu treffen. Am liebsten kochen wir saisonale Speisen mit Produkten aus regionaler Herstellung. Den Freunden leichter Kost kommen wir mit der Menülinie ›Delightful‹ entgegen. Täglich bieten wir ein vegetarisches Gericht sowie ein veganes Salatbüfett an. In Aktionswochen kommen darüber hinaus vegane Speisen hinzu«, erzählt Michaela Mehls.

Nicht durchsetzen konnte sich auch hier die 2013 von den Grünen initiierte Idee eines verpflichtenden Veggie-Tages in den Kantinen der Bundesrepublik. Da war dann der Widerstand unter den Kollegen der anderen Fraktionen wohl doch zu stark. Ach ja, dafür stammt der Kaffee aus fairem Handel – man will ja schließlich doch wenn möglich mit gutem Beispiel vorangehen. Angaben zur Preisgestaltung in den einzelnen Outlets macht Dussmann leider keine. Zu unterschiedlich sei die Kalkulation in den einzelnen Einrichtungen, als dass man dazu konkrete Aussagen treffen könnte.

Kantine des Bundestages
Zwischendurch machen auch die Köche und anderen Küchenmitarbeiter mal Pause im Innenhof des Reichstagsgebäudes. Foto: dpa

Nicht für jedermann
Ganz so volksnah, wie sich die Damen und Herren Abgeordneten gerne geben, ist man in der Kantine des Bundestages übrigens nicht. Das »gemeine« Fußvolk kommt jedenfalls nicht so ohne Weiteres zu den Futtertrögen der Macht. Eine Einladung zu einer der parlamentarischen Veranstaltungen oder vom Abgeordneten eines Wahlkreises sollte man schon vorweisen können, wenn man beim Pförtner vorspricht.

Alternativ kann man sich aber auch im Internet für eine der offenen Veranstaltungen (Tagungen, Kongresse, Anhörungen) anmelden, die alle Fraktionen regelmäßig durchführen. Danach heißt es dann die Sicherheitskontrolle wie am Flughafen passieren, Taschenkontrolle und Metalldetektor inklusive. Wenn man einschlägigen Internetforen Glauben schenken darf, dann stimmen Preis und Leistung in der Kantine jedenfalls durchaus und treffen auch den Geschmack von Otto Normalbürger.

Sehr volksverbunden sind dafür wieder die bevorzugten Essenszeiten unserer Volksvertreter: Zwischen 12 und 13 Uhr kann die Schlange vor der Essensausgabe im SB-Bereich schon mal bis nach draußen auf den Flur reichen. Wenn halb Deutschland also gleichzeitig Mittagspause macht, dann gilt das auch für die Mitarbeiter im Bundestag.

Kommunikation in der Kantine
Wichtig ist auch bei den Kantinen ein gewisser Wohlfühlcharakter: Die Damen und Herren Abgeordneten benutzen die gastronomischen Einrichtungen nämlich nicht nur zur Nahrungsaufnahme, sondern auch als Rückzugsgebiet und als Ort der Kommunikation. Das eine oder andere Mitarbeitergespräch wird hier ebenso geführt wie die Erörterung gemeinsamer Initiativen. Und auch ein informelles Gespräch mit einem Minister geht den Politikjournalisten des Landes bei einem gemeinsamen Kaffee leichter von der Hand.

Und wie sieht es mit dem heiklen Thema Alkohol aus? Gerade Politiker sind ja – neben Journalisten – eine Berufsgruppe, der durchaus ein gewisser Hang zu »geistigen« Getränken nachgesagt wird. Wein, Bier und andere ausgewählte alkoholische Getränke werden lediglich im À-la-carte-Restaurant ausgeschenkt, alle anderen gastronomischen Einrichtungen im Bundestag bleiben »trocken«. Trotzdem soll es schon vorgekommen sein, dass ein Abgeordneter mal das eine oder andere Glas mehr getrunken, als seiner Leber gut getan hat. Wenn dann danach noch eine Rede vorgesehen war, standen nicht nur die eigenen Parteikollegen, sondern auch die Stenografen unter Stress … Aber so wie in der restlichen Wirtschaft ist auch in der Politik das Thema Alkohol am Arbeitsplatz in den vergangenen Jahren deutlich sensibler geworden. Das früher selbstverständliche Bier mittags gönnen sich heute nurmehr die wenigsten.

Schweigen ist Gold
Wie spendabel Merkel, Nahles, Lindner & Co. beim Trinkgeld sind, wollen wir abschließend noch von Michaela Mehls wissen. Lassen die sich auf den Cent herausgeben oder bleibt auch mal ein Schein auf dem Tisch liegen? Doch da winkt die Dussmann-Mitarbeiterin professionell ab: »Zu den Gewohnheiten unserer Tischgäste möchten wir uns grundsätzlich nicht äußern.« Also quasi »what happens in the Bundestagskantine, stays at the Bundestagskantine«. Zumindest auf den gastronomischen Dienstleister ist in dieser Hinsicht Verlass. Beim politischen Mitbewerber sieht die Sache wahrscheinlich wieder anders aus …


Diskretion ist oberstes Gebot

Michaela Mehls, Pressesprecherin bei Dussmann, im HOGAPAGE-Gespräch über die Besonderheiten der Bundestags-Kantine.

Wer ist der Küchenchef und seit wann? Was hat er vorher gemacht?
Mario Haubert ist seit 18 Jahren Küchenchef. Vorher war er u.a. in der Schweiz tätig.

Werden Speisen und Getränke serviert oder ist die Bundestagskantine ein SB-Konzept?
Im À-la-carte-Restaurant wird serviert, die anderen gastronomischen Einrichtungen sind Selbstbedienungs-Angebote.

Bundestagssitzungen können manchmal länger dauern. Sind die Öffnungszeiten der Kantine daher flexibel oder müssen fleißige Abgeordnete spätabends hungrig/durstig bleiben?
Die Kantinen öffnen zu festen Zeiten. Im À-la-carte-Restaurant, in der Cafeteria sowie im Konferenzbereich orientieren wir uns bei unserer Dienstleistung am Bedarf der Gäste.

Wie wichtig ist Diskretion in dem Job? Schließlich bekommen die Mitarbeiter wahrscheinlich öfter mal brisante Gespräche mit.
Für uns als Dienstleister ist Diskretion natürlich stets angebracht, unabhängig vom Einsatzort.

Text: Clemens Kriegelstein, Ausgabe: 01/2019, Veröffentlicht am: 15.01.2019
Der Original-Text aus dem Magazin wurde für die Online-Version evtl. gekürzt bzw. angepasst.