Reizvolle Gegensätze

Barcelona ist auch abseits seiner Tapas-Bars ein Mekka für Gourmets

Barcelona ist eine junge Stadt
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Bier oder Wein? Simpel oder fein? In Barcelona hat man die Qual der Wahl, denn die lebendige Gastro-Szene findet vielerlei Ausdrucksformen. Die Dichte an empfehlenswerten Adressen ist enorm hoch, egal ob einem der Sinn nach Tapas und Cava, Bier und Burger oder feinem Wein mit raffiniertem Essen steht. Und auch das Auge bekommt einiges geboten.

Barcelona ist eine junge Stadt. Barcelona ist eine schöne Stadt. Und Barcelona ist eine extrem beliebte Stadt. Kein Wunder also, dass sie in den Sommermonaten von Touristen geradezu überrannt wird, was nicht von allen Einheimischen goutiert wird. Mit über sieben Millionen Übernachtungen pro Jahr ist Barcelona eine der Top-Destinationen Europas. Doch es ist auch eine große Stadt, und wenn man die touristischen Trampelpfade links liegen lässt, findet man zahlreiche Ecken, wo das richtige Leben stattfindet und die Menükarten in Katalanisch und eventuell noch Spanisch, nicht jedoch auf Englisch und Deutsch gehalten sind. Auffallend ist, mit wie viel Geschmack die angesagten Lokale gestaltet sind – ganz unabhängig vom jeweiligen Preisniveau. In einer Stadt, wo Design und Architektur seit jeher eine große Rolle spielen, wird diese Tradition bis heute gepflegt. Das gilt natürlich auch für die ambitionierten Restaurants und Bars der Stadt.

El Raval im Aufwind

Auf den Ramblas selbst gibt es nichts Spannendes zu entdecken – die Flaniermeile, die vom Plaça de Catalunya hinunter bis zum alten Hafen geht, ist fest in touristischer Hand. Selbst der malerische Markt Boqueria ist längst Opfer neugieriger Ausländer geworden, die schauen, aber nicht kaufen. Stattdessen lassen sie sich in einem der zahlreichen Cafés rund um den Markt nieder und glauben, dort das echte Marktleben zu genießen – zu überteuerten Preisen. Dabei wäre es so einfach, in dieser Gegend authentisch zu erleben. Nur ein paar Hundert Meter hinter der ­Boqueria liegen einige absolut empfehlenswerte Lokale. Das Viertel nennt sich El Raval und war noch bis vor ein paar Jahren eine heruntergekommene Gegend, die von Straßenprostitution und Drogenhandel geplagt war.

Heute ist El Raval vor allem bei jungen, trendbewussten Leuten extrem angesagt. Und man kann hier auch wirklich gut essen. Bereits seit mehr als zehn Jahren führt Albert Raurich das kleine Restaurant Dos Palillos, das im Haus des schicken Casa Camper Hotels liegt. Im vorderen Bereich ist eine lässige Bar, die pures Understatement darstellt. Auf den ersten Blick wirkt sie wie eine der vielen einfachen Eckbars der Gegend, doch bekommt man dort neben Cava, Wein und Bier auch die Gerichte des dahinter liegenden Sterne-Restaurants, für das man – im Gegensatz zur Bar – jedoch unbedingt reservieren muss.

Wurzeln im El Bulli

Albert Raurich war von 1997 bis 2007 bei Ferran Adrià im El Bulli tätig – zuletzt gar als Küchenchef. Im Dos Palillos kombiniert er gekonnt spanische Aromen mit japanischen Elementen. 18 Gäste sitzen wie in einer Sushi-Bar rund um die offene Show-Küche, wo auch ein kleiner Robata-Grill befeuert wird. Das Essen ist fantastisch, die Plätze sind heiß begehrt. Das Menü besteht aus rund zehn köstlichen Mini-Gängen, die laufend wechseln.

Vor zwei Jahren hat Raurich gleich um die Ecke mit dem Dos Pebrots ein weiteres angesagtes Restaurant eröffnet. Dort widmet er sich der modernen Interpretation von historischen katalanischen Rezepten. Ebenfalls nur einen Steinwurf entfernt ist das Suculent, wo sich die besten Plätze im ersten Stock verbergen. Man muss dafür durch einen verwinkelten Gang, der auch durch die Küche führt, gehen. Die Freude, mit der hier aufgekocht wird, ist ansteckend. Jeder Bissen schmeckt und macht einfach Spaß. So stellen wir uns eine zeitgemäße katalanische Küche vor. Gerade Touristen aus dem Norden Europas sind immer wieder verwundert, wie spät man in Barcelona isst. Manche Restaurants sperren zu Mittag erst um 14 Uhr und am Abend um 21 Uhr auf. Wer zu früh dran ist, nimmt am besten einen lokalen Vermouth in der Montse-Bar als Aperitif.

Tickets
Foto: Tickets

Rot, weiß oder orange?

Auf der anderen Seite der Ramblas befindet sich das bekannte Viertel Barri Gòtic, das touristisch stark überlaufen ist. Und doch findet man auch dort interessante Lokale. Die Bar Brutal ist die erste Adresse Barcelonas für Natural Wines. Hier kann man sich in lässigem Ambiente durch die ungewöhnlichsten Weine Spaniens kosten. Und auch das Essen ist sehr gut. In der Bar Brutal kann man ohne Reservierung sein Glück versuchen. Man startet mit einem Glas Wein an der Bar und wartet, bis irgendwo ein Tisch frei wird. Man muss sich nur entscheiden, ob man rot, weiß oder orange trinken will.

Der Guide Michelin erachtet gerade einmal ein Restaurant in Barcelona dreier Sterne würdig. Das Lasarte des Basken Martin Berasategui ist im noblen 5-Sterne-Hotel Monument untergebracht und bietet Luxus pur. Die Rechnung beträgt schnell einmal das Dreifache vom Dos Palillos oder dem Suculent, ohne dass die Küche wesentlich spannender wäre. Die Weinbegleitung ist vergleichsweise banal, dafür jedoch kostspielig. Und auch die drei 2-Sterner ABaC, Enoteca und Moments sind nur dann wirklich empfehlenswert, wenn man die anderen hier vorgestellten Restaurants schon besucht hat.

Sterne nur bedingt verlässlich

Wirklich spannend geht es im Disfrutar (1 Michelin-Stern) zur Sache, wo mit den Besitzern und Küchenchefs Mateu ­Casañas, Oriol Castro und Eduard Xatruch ebenfalls drei ehemalige El-Bulli-Mitstreiter am Werk sind. Modernste Technik und das Spiel mit veränderten Texturen gehören hier zum Konzept. Das ist – wenn es auf derart hohem Niveau wie hier passiert – extrem reizvoll. Das Disfrutar ist jedenfalls ein Ort zum Staunen, Überraschungen sind garantiert.

Seit rund 20 Jahren ist die Tragaluz-Gruppe in Barcelona tätig und betreibt heute mehr als ein Dutzend unterschiedliche Lokale. Das Stammhaus Tragaluz im Eixample-Viertel ist bis heute extrem beliebt und zeigt eindrucksvoll auf, was das Erfolgsgeheimnis dieser Multi-Gastronomen ausmacht. Die mitunter theatralische Gestaltung ist kein Selbstzweck, sondern wird von den Mitarbeitern bewusst als Bühne verstanden, auf der sie sich mit Humor und Eleganz zu bewegen wissen. Das Essen ist verlässlich gut und originell. Der Design-Japaner El Japonés liegt genau gegenüber und war als erstes japanisches Design-Lokal ebenfalls ein Trendsetter. Bemerkenswert auch die Tragaluz-Lokale am Strand: Cuines Santa Caterina, Luzia, Pez Vela, Aqua Bestial und Bestial Beach Club.

Originelle Tapas-Kultur

Gute Tapas-Lokale findet man an jeder Ecke. Sollte man meinen. Als Faustregel gilt: Überall dort, wo sich viele Touristen tummeln, ist es – wie zu erwarten – eher teuer und die Qualität zumeist nur mittelmäßig. Das soll nicht heißen, dass man nicht auch zufällig ein gutes Pa amb tomàquet (getoastetes Weißbrot mit Tomaten) oder einen Teller mit Jamón Ibérico finden kann. Doch es gibt schon einen Grund, wieso manche Tapas-Lokale hauptsächlich von Touristen und andere von Einheimischen besucht werden.

In einer ruhigen Ecke des Stadtteils Sant Antoni befindet sich die Lolita-Bar, die zwar mit verführerisch roten Lippen lockt, doch alles andere als eine Rotlichtbar ist. Ganz im Gegenteil, hier trifft man auf viele Bewohner der Umgebung, die auch gerne mit ihren Familien kommen. Die Stimmung ist entspannt und unbeschwert fröhlich, was nicht nur an der bunten Einrichtung der Taperìa Lolita, sondern vor allem an der Qualität der Speisen liegt. Hier schmeckt alles einfach ein kleines bisschen besser, egal ob man Muscheln, Würste, Jamón oder nur simple Patatas Bravas bestellt. Die fröhliche Atmosphäre gibt es kostenlos dazu!

Lolita
Foto: Lolita

Angesagte Bier-Vielfalt im Eixample-Viertel

Bis vor Kurzem war das Biertrinken in Barcelona ein mäßiges Vergnügen. Hauptsache kalt und frisch – denn sensorisch ­hatten die Erzeugnisse von Cruzcampo, Mahou oder San Miguel kaum etwas zu bieten. Ein Becks, Heineken oder Carlsberg aus der Flasche waren in der Vergangenheit zumeist besser als irgendein gezapftes spanisches Bier.

Davon kann heute keine Rede mehr sein – zumindest, wenn man weiß, wohin man geht. So kann man in Barcelona selbst ­einen Strandbesuch mit einem großartig gezapften Bier im BlackLab Brewpub beschließen. Dort bekommt man nicht nur tolle selbst gebraute Biere, sondern auch hervorragende asiatisch-amerikanische Fusionsgerichte. Nicht weit hat man es dann von Barceloneta bis zum Stadtteil El Born, wo sich das empfehlenswerte Ale & Hop befindet. Wandert man weiter Richtung Zentrum, wird es zwar touristischer, aber nicht notwendigerweise schlechter. Sowohl die Cerveteca im Barrio Gotico als auch das dänische Kælderkold bei den Ramblas zeugen vom aktuellen Bier-Boom Barcelonas.

Burger, Tapas und Craft-Bier

Das Epizentrum der neuen Bier-Kultur befindet sich jedoch im Eixample-Viertel, wo mit dem Biercab, Belchica, Brew Dog, La Resistencia, Mikkeller, Santa Birra und Garage eine unglaubliche Dichte an modernen Bierlokalen herrscht. Zum Teil wird sogar selbst gebraut, immer jedoch gibt es eine große Auswahl an hervorragend gezapften Spezialbieren, zum Teil aus den USA, Belgien, Italien, Dänemark und natürlich auch aus Katalonien selbst. Ganz besonders gut schmecken die Biere der Edge-Brewery, die vor vier Jahren von zwei Amerikanern in Barcelona gegründet wurde. Aber auch die Mikkeller-Spezialitäten aus Dänemark, die im eigenen Lokal über eine selbst entwickelte Hightech-Schankanlage mit drei unterschiedlichen Temperaturzonen gezapft werden, sind grandios. Neben dem Trendgericht Burger gibt es fast überall auch feine Tapas.

Im besten Bierlokal Barcelonas – dem Napar – ist ein ehemaliger Sternekoch am Werk. Mittags gibt es ein hervorragendes und gleichzeitig sehr günstiges Menü, am Abend kann man mehrgängig genießen und sich dabei eine spannende Bierbegleitung gönnen. Das Napar-Stammhaus liegt im Baskenland, aber auch am Standort in Barcelona wird regelmäßig gebraut.

Kleiner Bruder jetzt ganz groß

Der berühmteste spanische Koch ist Ferran Adrià, der mit seinem nördlich von Barcelona gelegenen Restaurant El Bulli Geschichte geschrieben und das »spanische Kochwunder« begründet hat. Ferran Adrià hat das El Bulli vor sieben Jahren geschlossen und betreibt seitdem in Barcelona ein nicht öffentlich zugängliches Food-Laboratorium. Albert Adrià hatte es als jüngerer Bruder lange schwer, sich selbst einen Namen zu machen. Doch mittlerweile ist er selbst zum Star geworden, denn die sechs Restaurants, die er gemeinsam mit Partnern betreibt (zu denen auch sein Bruder Ferran zählt) sind allesamt bemerkenswert. So ist in den letzten Jahren an der Avenida Parallel ein einzigartiges Gastro-Imperium entstanden, das seine Handschrift trägt.

Die Lokale heißen Hoja Santa, Niño Viejo, Pakta, Bodega 1900 und Tickets. Vor eineinhalb Jahren ist noch das geheimnisvolle Enigma dazugekommen. Das Unglaubliche an diesem Restaurant-Konglomerat ist die Güte aller Lokale. Sowohl das ­Tapas-Lokal Tickets wie auch das mexikanische Hoja Santa und das peruanische Pakta sind mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet. Im Niño Viejo gibt es unkomplizierte Tacos und andere mexikanische Snacks, in der Bodega 1900 kann man Köstlichkeiten für zu Hause kaufen und gemütlich Vermouth schlürfen. Was alle Lokale gemein haben, ist eine bunte, fröhliche Farbgebung und bemerkenswert nette Mitarbeiter. Zwar kann man das jugendlich wirkende Tickets nicht mit dem ehemaligen 3-Sterne-Restaurant El Bulli vergleichen, doch einige Gerichte sind Weiterentwicklungen von berühmten El-Bulli-Klassikern und schmecken heute fast besser als damals. Molekular ist hier gar nichts, präzise angerichtet und perfekt abgeschmeckt jedoch alles. Dass man wochenlang im Voraus reservieren sollte, scheint angesichts des unkomplizierten Ambientes etwas überraschend, aber sobald man die ersten Kleingerichte vor sich stehen hat, weiß man, wieso.

Enigma entschlüsselt

Das heißeste Gastro-Ticket der Stadt ist jedoch das geheimnisvolle Enigma, von dem es auch keine (offiziellen) Fotos gibt. Albert Adrià hat sich dabei Gedanken über die Luxusgastronomie der Zukunft gemacht und ein einzigartiges Restaurant-Konzept entwickelt. Wie kann man die Reize einer Sushi-Bar, eines Steak-Grills und eines klassischen Restaurants unter einen Hut bringen, ohne dass es beliebig wird? Die Antwort lautet, dass man jedem Küchenstil einen eigenen Raum bietet, in denen jeweils ein eigener Küchenchef zu Werke geht. Die Gäste bleiben nur für zwei bis drei kleine Gänge und wechseln dann in den nächsten Raum zum nächsten Küchenchef. Maximal acht Personen starten im Viertelstundentakt gleichzeitig diese rätselhafte Gastro-Reise, die im wunderbaren »Candy Room« der ehemaligen »41 Grados«-Bar endet, wo die Desserts genossen werden.

Text: Wolf Demar, Ausgabe: 05/2018, Veröffentlicht am: 01.09.2018
Der Original-Text aus dem Magazin wurde für die Online-Version evtl. gekürzt bzw. angepasst.